Traffic Report: Istanbul

Wie Metropolen weltweit durch busbasierte Mobilitätskonzepte ihre Verkehrsprobleme in den Griff bekommen.


Wie Metropolen weltweit durch busbasierte Mobilitätskonzepte ihre Verkehrsprobleme in den Griff bekommen.


08:00 UHR, ISTANBUL

Der Verkehr staut sich an der ersten Bosporus-Brücke. Hupen vibriert in der Luft, Abgase beißen in der Nase. In der Tiefe passieren Öltanker den Bosporus auf ihrem Weg von den Häfen des Schwarzen Meers ins Mittelmeer. Zur Überquerung der Brücke muss sich der Verkehr morgens verjüngen, um die europäische Seite der Stadt zu erreichen. Entsprechend lange stauen sich die Blechmassen. Zu den Stoßzeiten am Abend wiederholt sich das Spektakel – nur in die jeweils andere Richtung.

Traffic Report

Stau in Richtung Europa

Istanbul ist die einzige Stadt auf der Welt, die auf zwei Kontinenten gebaut ist. Die Lage am Bosporus ist Istanbuls Segen und Fluch, denn nur zwei Brücken verbinden ihre beiden Teile. Istanbul hat mit 13 Millionen Einwohnern – manche Quellen behaupten gar 15 Millionen – eine größere Bevölkerung als 105 Staaten dieser Erde. Täglich ziehen mehr Menschen aus Anatolien und anderen Teilen der Türkei nach Istanbul. Manche Prognosen sehen im Jahr 2023 schon 25 Millionen Menschen in Istanbul leben, zwischen Asien und Europa, zwischen Wohnung und Arbeitsplatz pendeln. Und das alles über nur zwei Brücken? Ein Ding der Unmöglichkeit, das wissen Stadtplaner und Verkehrsforscher und entwickeln fieberhaft Vorschläge zur Vermeidung des Verkehrskollapses. Alle wollen das ausbaufähige Schienennetz erweitern. Doch der Bau neuer Linien würde Jahre dauern und ist wegen Istanbuls hügliger Topografie gar nicht überall möglich. Die Verkehrsprobleme erfordern aber eine schnelle Lösung. „Wir brauchen eine Verkehrsplanung, die alle Verkehrsmittel sinnvoll miteinander verknüpft und die vorhandenen Straßen effizienter nutzt“, sagt einer der Pendler über die Bosporus-Brücke, der 36-jährige Selim Dallı. Er sitzt in einem Kleinbus, der ihn und Kollegen jeden morgen zu Hause im asiatischen Teil der Stadt abholt und an den Arbeitsplatz eine Stunde westlich des Zentrums bringt. Dort liegt die Zentrale von Mercedes-Benz Türk.

City-Info Istanbul


Istanbul

Istanbul

Status: größte Stadt der Türkei
Gründung: 11. Mai 330 als Konstantinopel
Fläche: 1.830,92 km2
Einwohner: 12.569.143 (2008)
Bevölkerungsdichte: 6.865 Einwohner pro km2

Stein-/Bronzezeit Erste Siedlungen am Bosporus.
685 v. Chr. Griechische Siedler gründen eine Kolonie.
330 Konstantin tauft die neue Hauptstadt des vereinigten römischen Reiches auf „Nova Roma“. Bekannter wird jedoch der Name Konstantinopel.
11.-14 Jhd. Konstantinopel wird mehrfach erobert und zerstört.
1918 Französische und britische Truppen besetzen die Hauptstadt des osmanischen Reiches.
1923 Gründung der Republik Türkei durch Mustafa Kemal, genannt Atatürk. Istanbul verliert den Status als Hauptstadt an Ankara.

Selim Dallı ist bei Mercedes-Benz Türk der Experte für sogenannte Bus Rapid Transit-Systeme, kurz: BRT. BRT-Systeme sehen eine exklusive Spur für Busse vor, welche aufgrund der hohen Taktung, barrierefreiem Einstieg an Haltestellen, Pre-Ticketing sowie einer besonderen Vorfahrtsregelung kurze Haltezeiten verzeichnen und störungsfrei operieren können, sodass diese an den Staus der Pkw und Laster vorüberrauschen können, das Transportvolumen des öffentlichen Nahverkehrs erheblich erhöhen und die Transportzeiten und Abgase reduzieren. BRT-Systeme sind eine flexible Verkehrslösung für verstopfte Metropolen mit angespannter Kasse und werden derzeit weltweit unter Verkehrsexperten intensiv diskutiert. In fast jedem lateinamerikanischen Land gibt es bereits Städte, die auf ein BRT-System setzen. Speziell schnell wachsende Volkswirtschaften wie Indien denken über die Einführung nach. Selim Dallıs Aufgabe ist es, vor Ort als Ansprechpartner für alle BRT-spezifischen Anfragen zu fungieren. Der „Metrobüs“ ist in nur zwei Jahren auf einer von fünf Spuren der Autobahn E5, die von Europa durch Istanbul nach Ankara führt, eingerichtet worden – zu niedrigen Investitionskosten im weltweiten Vergleich mit anderen Verkehrssystemen und mit einer Kapazität von 715.000 Passagieren täglich.

08:15 UHR, ISTANBUL AVCILAR

Hier im Westen der Stadt startet der Metrobüs. Die Haltestelle sieht aus wie ein Metrobahnsteig. Die Passagiere müssen ein Drehkreuz passieren und bezahlen mit einem elektronischen Fahrschein, der an einem Automaten aufgeladen werden kann. Im Vierzig-Sekunden-Takt rollen jeweils zwei bis drei Gelenkbusse von Mercedes-Benz an die Bushaltestelle. Diese sogenannten „CapaCity“ von Mercedes-Benz werden in Mannheim hergestellt und haben vier statt nur drei Achsen. Der BRT-Fahrstreifen für die BRT-Busse ist mit Drahtseilen von den anderen Spuren der Autobahn abgetrennt. In anderen Metropolen wird der BRT-Fahrstreifen lediglich durch eine gelbe Linie oder einen Bordstein abgegrenzt. Mit vierzig Kilometern pro Stunde im Schnitt rauschen die Busse an den Autoschlangen rechts und links vorbei, einmal quer durch Istanbul und selbst über die Bosporus-Brücke hinüber bis in den asiatischen Teil. „Früher habe ich zwei Stunden Anfahrt zu meinen Vorlesungen gebraucht“, berichtet ein Student und Fahrgast, „jetzt nur noch eine.“ Ein übliches Muster: 33 Prozent der Stadtbevölkerung verbringt mehr als zwei Stunden am Tag im Stadtverkehr.

08:55 UHR, STADTMITTE

Die BRT-Linie führt nun durch die Spiegelfassadenschluchten der Viertel Mecidiyeköy und Zincirlikuyu. Dort steigen vermehrt Passagiere im Anzug und Krawatte zu, auch mal Geschäftsfrauen im Businesskostüm. Die geräumigen, klimatisierten Busse eröffnen eine neue Dimension im Busverkehr. „Istanbul ist eine Metropole der Zukunft“, erklärt der Bürgermeister und Architekt Kadir Topbas in seinem Vorwort zum neuen Busfahrplan, „täglich pendeln 80.000 Passagiere, die zuvor mit ihrem Pkw zur Arbeit gefahren sind, mit dem Metrobüs.“ Seit Inbetriebnahme werden diese Fahrzeuge – die den künftigen Abgasnormen Euro V bereits jetzt entsprechen – im Linienverkehr eingesetzt. Dies zeigt, welch hoher Stellenwert der Umwelt eingeräumt wird. Das System versetzt den gesamten Verkehr in einen flüssigeren Aggregatzustand. Bei täglich 500 Neuzulassungen von Fahrzeugen wird das System allerdings vor entsprechende Herausforderungen gestellt. Erweiterungen des BRT-Systems sind angedacht, auch das Schienennetz soll deutlich ausgebaut werden.

Was steckt hinter den Euronormen?


Die Wiege der Abgasgesetzgebung ist Kalifornien, wo es bereits in den 1960er Jahren Grenzwerte gab. In der Europäischen Gemeinschaft wurden 1970 erste einheitliche Abgasvorschriften vereinbart. Die erste Euronorm für Nutzfahrzeuge wurde in der Direktive 88/77/EEC festgelegt und 1990 eingeführt. Die nächsten Stufen folgten 1996, 2000, 2005 sowie 2008 mit der aktuellen Euro-V-Norm. Weitere Verschärfungen sind geplant. So hat die EU im Juli 2009 Teile der Regelungen für Euro VI veröffentlicht, die 2013 in Kraft treten sollen. Die europäische Abgasnorm legt Obergrenzen für den Ausstoß von Schadstoffen fest. Diese Grenzwerte sind unterschiedlich für Pkw und Nutzfahrzeuge, für Benzin- und Dieselmotoren. Aktuell gilt die Abgasnorm Euro V. Bei den Normen für Nutzfahrzeuge werden in der Regel römische Zahlen verwendet, bei Pkw arabische Ziffern.

Welches Verkehrsmittel ist für welchen Teil der Stadt geeignet? Hayri Baracli, Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe istanbul Elektrik Tramvay ve Tünel isletmeleri (iETT): „Wir haben den Metrobüs auf einer Strecke eingerichtet, die so hügelig ist, dass der Bau einer Schienenverbindung gar nicht möglich wäre.“ Aber andererseits, auch das sagt Baracli sehr besonnen, wären in vielen Vierteln der Stadt die Straßen für eine exklusive Busspur zu eng. Hier müsse der normale Busverkehr als Zubringer dienen. Selim Dallı steht in engem Austausch mit den BRT-Kollegen in der Vertriebszentrale von Daimler Buses.

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BRT-Route in Istanbul

Dort ist eigens ein Team für das Thema BRT eingerichtet worden. Dieses koordiniert weltweit die BRT-Aktivitäten der Bussparte und verfügt über Verkehrsplanungskompetenz. Fünf Verkehrsplaner und Strategen sammeln in Stuttgart die Erfahrungswerte ihrer Kollegen, arbeiten sie für Fachvorträge und Beratungsgespräche auf und entwickeln daraus regionalspezifische BRT-Strategien. So wird zum Beispiel die Frage gestellt, ob BRT-Systeme einen Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität leisten können. In Istanbul sieht die Bilanz dazu sehr positiv aus: 623 Tonnen CO2-Emissionen werden durch das bestehende BRT-System täglich eingespart.

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