»Jede Stadt kann ihre Lebensqualität verbessern.«

Jaime Lerner, Vater des ersten Bus-Rapid-Transit-Systems über den weltweiten Erfolg von BRT.


Jaime Lerner, Vater des ersten Bus-Rapid-Transit-Systems über den weltweiten Erfolg von BRT.


Herr Lerner, wie bewegen Sie sich in Ihrer Heimatstadt Curitiba fort?
Ich habe Glück, denn ich wohne genau gegenüber von meinem Büro, sodass mein Weg zur Arbeit sieben Meter beträgt. Das Haus, in dem sich mein Institut befindet, war ursprünglich mein Wohnhaus, das ich in den 1950er-Jahren selbst entwarf. Als ich mich aus der Politik zurückzog, wollte meine Frau eine Wohnung mit Aussicht haben, sodass wir in ein Hochhaus auf der anderen Straßenseite umzogen. Aber ich bin viel unterwegs, um Reden zu halten und andere Städte zu beraten – kommende Woche werde ich nach Montreal, London und New York reisen.

Sie haben den Grundstein für das Bus-Rapid-Transit-System, kurz BRT, gelegt. Bewegt sich Curitiba dank dieses Systems heute anders fort?
Vor 45 Jahren hatte Curitiba um die 600.000 Einwohner. Heute sind es 1,75 Millionen. Die Faustregel besagte, dass eine Stadt eine U-Bahn benötigt, sobald sie die Ein-Millionen-Grenze durchbricht. Wir hatten weder das Geld noch konnten wir Kredite aufnehmen, also haben wir uns Gedanken über Alternativen für modernen Personennahverkehr gemacht: ein System, das schnell ist, wenige Haltestellen hat und kurz getaktet ist. Die Qualität war der Schlüssel zum Erfolg – die Tatsache, dass ich nicht lange auf den Bus warten muss. Uns wurde klar, dass wir ein solches System überirdisch bauen sollten. Es gab viele Optionen: eigene Busspuren anlegen oder weniger Haltestellen einrichten, sodass ein Bus höchstens alle 400 Meter stoppt. Das Einsteigen sollte zügig ablaufen, und kein Fahrgast sollte länger als eine Minute warten. Warum also nicht Boarding-Röhren bauen, die einem U-Bahnhof ähneln und das Ein- und Aussteigen beschleunigen? Diese Idee war die Keimzelle für unser BRT-System, das wir 1968 konzipierten und das 1974 in Betrieb ging. Damals benutzten es 25.000 Passagiere am Tag, aber wir haben es über die Jahre kontinuierlich verbessert und ausgebaut. Heute hat Curitibas Bussystem täglich 2,5 Millionen Fahrgäste und kommt ohne Subventionen aus!

Jaime Lerner und TECHNICITY-Autor Steffan Heuer im brasilianischen Curitiba.

Was sind die Gründe für den weltweiten Erfolg von BRT-Systemen?
Dazu sollten wir ein BRT-System mit der ältesten U-Bahn der Welt in London vergleichen, die Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. London ist eine riesige Stadt mit einem ungleich weiter entwickelten Verkehrssystem, aber die U-Bahn befördert am Tag nur drei Millionen Passagiere. Darin steckt eine wichtige Lektion für jede Stadt, die darüber nachdenkt, ein modernes Nahverkehrssystem zu bauen. Erfolg hängt nicht vom Geld ab, sondern wie man ein Problem am besten in eine Lösung verwandelt und ein System schafft, bei dem sich alle Stakeholder die Verantwortung teilen. Unser Busnetz war von Anfang an als öffentlich-private Partnerschaft angelegt, weil wir allein für die Flotte 300 Millionen US-Dollar benötigten. Also investierte die Stadt in die Strecken, private Unternehmen in die Busse, und die Kommune bezahlt sie für die Kilometerleistung. Das Konzept muss attraktiv sein, sonst würden nicht 120 Städte in aller Welt BRT-Netze eingerichtet haben – von Mexiko Stadt und Seoul über Istanbul, Bogotá bis Guangzhou.

Viele Städte in Brasilien bemühen sich um öffentliche Gelder zum U-Bahn-Bau, damit sie ihr Nahverkehrssystem für die Fußball-WM 2014 modernisieren können.
Das ist ehrlich gesagt eine dumme Idee. Es bringt nichts, wenn man nur eine oder gar eine halbe U-Bahn-Linie baut. Eine Stadt braucht ein komplettes System, und es gibt in der ganzen Welt nur ein paar wenige U-Bahn-Netze, die es mit einem BRT-System aufnehmen können: schnelles Ein- und Aussteigen plus hohe Taktfrequenz. Das Geheimnis moderner Mobilität ist verblüffend simpel. Verkehrsmittel sollten nie im selben Raum miteinander konkurrieren, sondern sich immer ergänzen. Eine U-Bahn ist nur so gut wie das Verkehrsnetz, an das sie angebunden ist. Oft muss man gar keine U-Bahn bauen, denn das dauert lange und kostet mehr als ein überirdisches Netz. Ein BRT-System kann man in drei bis fünf Jahren anlegen, anstatt auf eine einzige U-Bahn-Linie 20 Jahre zu warten. New York debattiert seit 50 Jahren, ob man eine neue Linie in Manhattan bauen soll. Vom ersten Spatenstich an werden noch einmal 20 Jahre bis zur Inbetriebnahme vergehen. Das sind 70 Jahre und rund vier Milliarden US-Dollar Kosten, obwohl diese Linie nicht mehr Passagiere befördern wird als eine gut ausgelastete Buslinie in Curitiba. Und die lässt sich in drei Jahren für ein Hundertstel der Kosten realisieren.

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Was halten Sie von BRT-Systemen in anderen Städten?
Ich habe natürlich nicht alle BRT-Systeme auf der Welt gesehen, dazu gibt es zu viele. Einige basieren auf einem gut durchdachten Konzept und werden effizient betrieben, dazu würde ich das Netz in Mexiko Stadt rechnen. Andere, wie in São Paulo, funktionieren weniger gut. Die wichtigste Einsicht ist folgende: Das Transportwesen ist keine isolierte Disziplin, die Experten um ihrer selbst willen betreiben sollten, sondern integraler Bestandteil der Stadtplanung. Wer nur den Verkehrsfluss optimieren will, verfehlt das Ziel einer besser funktionierenden Stadt. Eine lebendige Stadt ist mehr als die Summe ihrer Straßen und Schienen.

CURRICULUM VITAE


Jaime Lerner

+++ geboren 1937 +++ brasilianischer Architekt und Stadtplaner +++ lebt und arbeitet in Curitiba, Hauptstadt des Bundesstaates Paraná +++ absolvierte drei Amtszeiten als Bürgermeister Curitibas und zwei als Gouverneur von Paraná +++ Vater des ersten BRT-Systems der Welt (Rede Integrada da Transporte/RIT), das 1974 eingeführt wurde +++ mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, zuletzt dem „Leadership in Transport Award“ des International Transport Forum der OECD 2011 und dem „Globe Sustainable City Award“ 2010 +++ Gründer und Direktor des Instituto Jaime Lerner und Lerner Associated Architects, eines Architektur- und Planungsbüros, das Klienten in aller Welt berät +++ Teilnehmer des Symposiums der China-Bus-Rapid-Transit-Initiative in Shanghai 2005 zur Förderung von BRT-Systemen in China +++ Autor diverser Bücher, darunter „Acupuntura Urbana“ (2003) +++

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