Interview mit Kurt Möser
Kurt Möser, Professor für Neue und Neueste Geschichte am Karlsruhe Institut für Technologie (KIT)
Kurt Möser, Professor für Neue und Neueste Geschichte am Karlsruhe Institut für Technologie (KIT)

Kurt Möser
Herr Möser, gibt es einen Zeitpunkt in der Geschichte des Automobils, ab dem wir von bewusstem Fahrzeugdesign sprechen können?
Nein, Design begleitet die Geschichte des Autos von Anfang an. Es begann innen wie außen mit abgeleitetem und schlicht übernommenem Design, mit der Gestalt von Fahrrad-Tricycles, leichten Kutschen und Eisenbahnabteilen. Auch diese waren ja Produkte bewusster und reflektierter Gestaltung. Automobildesign stand immer in engem Austausch mit allgemeinem Design oder mit dem Design anderer Transportmittel. Es nahm Anregungen der funktionalen Moderne auf, wie Stahlrohrsitze, lieh sich Elemente des Flugzeuges, wie Armaturenanordnungen, und wirkte wiederum auf das Flugzeugdesign zurück – etwa beim Interieur von „Luftlimousinen“ nach 1920.
Gibt es entscheidende Wegmarken, die jeweils eine Fahrzeuggeneration geprägt haben?
Die große Zäsur war die Abschließung des Innenraums, der Schritt vom offenen Auto, das geschlossen werden konnte, hin zum geschlossenen Auto, das man öffnen konnte. Das geschah in den USA in den 1920er Jahren, in Europa später. Erst damit entstand ein Wohnraum, mit Materialien und Gestaltungselementen, die nicht mehr dem Wetter trotzen mussten. Erst seitdem konnte man seine Fahr-Nahumgebung kontrollieren, erst seitdem konnte man normal gekleidet fahren. Zweiter langer Trend war die Komfort-Transformation des Innenraums: die Verstellbarkeit, das Heranrücken der Bedienelemente an den Fahrer, die Elektrifizierung der Bedienung. Das war aber ein Trend, der graduell verlief und bei der es keine Zäsur gab. Beide Trends kamen damals aus den USA.
Was macht die “körperangepasste Fahrmaschine” Auto heute stärker aus: Technik oder Design?
Meiner Meinung nach wird das Technische heute heruntergespielt, ohne dass man es so recht zugibt; es rutscht ins Symbolische. Dem Fahrer wird spielerisch Kompetenz zugewiesen, die er gar nicht mehr benötigt. Ein Beispiel ist der Drehzahlmesser bei Automatikgetrieben. Tatsächlich gibt es schon lange einen Trend zum kokonartigen, von der belastenden Umwelt isolierten Schon- und Intimraum, der aufwendig gestaltet und materialmäßig außerordentlich aufgerüstet wird – wobei das Fahrerische, die Elemente der Fahrmaschine, symbolisch eingebaut bleiben
Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Aufgabe der Designer für die Innenräume von Automobilen in der Zukunft?
Die Balance zwischen der Fahrfunktion und dem Lebensraum Automobil – zwei Anforderungen, die sich funktional widersprechen. Es gab immer wieder Extremlösungen wie die kompromisslose Fahrmaschine mit reduziertem Wohnambiente, ohne Türverkleidungen und mit sichtbar eingeschraubten Schaltern. In anderen Fällen kam das Technisch-Fahrerbezogene des Designs fast zum Verschwinden und man schuf stattdessen ein Wohnambiente. Wie diese – symbolische, nicht funktionale – Balance zwischen Wohnen und Fahren in Zukunft aussehen wird, bleibt auszuhandeln, vor allem vor dem Hintergrund der Diffusion von neuen Medien ins Automobil und angesichts des Trends, den Aspekt des tatsächlichen Fahrens durch automatisierte Prozesse wie Bremshilfen immer weiter zu reduzieren.
Curriculum Vitae
Kurt Möser
+++ Studium der Geschichte mit Schwerpunkt Technikgeschichte und der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz +++ Promotion 1982 +++ Lehraufträge an der Fachhochschule Mannheim, der Hochschule St. Gallen und der Universität Erlangen +++ 2008 Habilitation zum Thema „Fahren und Fliegen in Frieden und Krieg – Kulturen individueller Mobilitätsmaschinen 1880 – 1930“ an der Universität Karlsruhe +++ seit 2009 Professor für Neue und Neueste Geschichte am Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) +++