Interview mit Hans-Peter Wunderlich

Hans-Peter Wunderlich, Leiter Interieurdesign bei Daimler


Hans-Peter Wunderlich, Leiter Interieurdesign bei Daimler


Herr Wunderlich, was macht gutes Interieurdesign aus?
Das Auge und alle anderen Sinne wollen verführt werden: Wenn Sie ein Auto betreten und sich geborgen fühlen, sich wohl fühlen und das Auto zugleich begehren, dann ist das Interieurdesign gelungen. Man darf nicht vergessen, dass die Aufmerksamkeit für ein Auto zwar meist durch das Exterieur geweckt wird, eine endgültige Entscheidung zum Kauf aber stets durch das Interieur gefällt wird. Deshalb machen wir das typische Interieurdesign von Mercedes-Benz nicht an bestimmten Elementen, nicht an bestimmten Linienführungen fest. Vielmehr müssen unsere Entwürfe eine markentypische Harmonie ausstrahlen, sie müssen Vertrauen vermitteln und Kraft ausdrücken – verbunden durch eine elegante Linienführung mit soliden, schön skulpturierten Flächen. Das sind Werte des Mercedes-Benz Designs, und das erleben Sie am Beispiel des Concept A-Class.
Welches Interieur-Element des Concept A-Class fasziniert Sie selbst denn am stärksten?
Das ist das Instrumentenpanel. Dieses Bauteil drückt besonders gut aus, wofür diese innovative Fahrzeugstudie steht: Die bionische Struktur, die außergewöhnliche Materialität des metallbedampften Textilüberzuges, die Zitate aus mariner Lebenswelt und Flugzeugbau – all das vermittelt Werte und Positionen unseres künftigen Interieurdesigns. Mich persönlich begeistert das auch, weil ich seit meiner Kindheit von Flugzeugen und Meeresbiologie fasziniert bin.
Gibt es einen typischen Fahrplan für die Entwicklung eines solchen Konzeptfahrzeuges von der ersten Idee bis zum fertigen Entwurf?
Bei einem Serienfahrzeug dauert die Entwicklung fünf bis sechs Jahre, der Designbereich startet dabei als eine der ersten Abteilungen. Für ein Konzeptfahrzeug arbeiten wir freier, aber auch kondensierter und fokussierter. Denn einerseits können wir Lösungen zeigen, die auf Basis aktueller Technik einen Blick in die Zukunft des Automobils gewähren. Andererseits arbeiten wir unter Hochdruck, denn der fertige Entwurf muss nach einem Jahr auf der Messe stehen. Das funktioniert nur durch die enge Verzahnung der einzelnen Abteilungen, von Color & Trim bis zur Trendforschung. Bei solchen Projekten arbeiten unsere kreativen Bereiche sehr flexibel, sehr liquide: Die Gruppen finden sich und formieren sich nach Bedarf und aktuellen Fragestellungen neu.
Wie stark wirken sich neue Assistenzsysteme und die mediale Vernetzung von Automobilen auf Ihre Arbeit aus?
Diese Entwicklungen sind der nächste Quantensprung in der Automobilentwicklung. Sie haben das Potenzial, das Auto so stark zu beeinflussen wie der Airbag. Wir Designer müssen dabei komplett umdenken: Es geht um die physische und psychologische Integration von Bildschirm und Mensch-Maschine-Schnittstellen im Auto. Die Zukunft bietet dem Design die Chance, immer mehr Bedienelemente einzusparen, dem Auto die Ruhe eines Wohnraumes zurückzugeben. Das sehen Sie am Concept A-Class bereits am Bildschirm, der in einer reduzierten Umgebung leicht und modern zu schweben scheint, so wie die Natur ein Blatt am Stängel wachsen lässt.
Werden Ihre Arbeiten in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich bewertet und wahrgenommen?
Mercedes-Benz Design ist ein Weltdesign, das Kunden in allen Märkten anspricht. Unterschiede gibt es vor allem in der Wahrnehmung, die bestimmte Aspekte eines Automobils in verschiedenen Märkten erfahren. Hier müssen wir einen Weg finden, mit Detailqualität im Design diese vielfältigen Erwartungen zu erfüllen. Dabei hilft mein internationales Team mit Mitarbeitern aus aller Welt: Designer aus Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Afrika tragen ihre eigenen kulturellen Identitäten im Herzen. Und daraus entsteht ein faszinierender, intensiver Dialog, von dem unsere Produkte profitieren.

Curriculum Vitae


Hans-Peter Wunderlich

+++ 48 Jahre alt +++ zeichnete erste automobile Designskizzen im Alter von 14 Jahren +++ gelernter Modellbauer +++ Designstudium an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd +++ seit 22 Jahren bei Daimler +++ 1997 bis 1998 im Mercedes-Benz Advanced Design Studio im kalifornischen Irvine +++ nach seiner Rückkehr nach Deutschland, Fokussierung auf Interieurdesign +++ heute Leiter Interieurdesign bei Daimler und in dieser Position zuständig für alle Pkw von Mercedes-Benz, AMG und smart +++

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