Evolution statt Revolution

Was Innovationsmanagement für Unternehmen leisten muss, erklärt Wilfried Steffen, Leiter des Bereichs Business Innovation bei Daimler.


Was Innovationsmanagement für Unternehmen leisten muss, erklärt Wilfried Steffen, Leiter des Bereichs Business Innovation bei Daimler.


Herr Steffen, können Sie das Wort „Innovation“ für uns eingrenzen und greifbar machen?

Darüber haben wir auch im Team diskutiert – unter anderem, um einmal konkret beim Namen zu nennen, was wir eigentlich tun. Das Ergebnis ist recht schlicht: Zunächst existieren ausschließlich Neuerungen. Innovationen sind schließlich jene Neuerungen, die sich kommerziell bestätigen. Bis man sich dieses Erfolgs sicher sein kann, kann allerdings mitunter sehr viel Zeit vergehen.

Kann man abschätzen, welche Neuerung das Potenzial zur Innovation hat?

Nicht wirklich. Man kann spekulieren, Schätzungen und Prognosen abgeben, mit Studien und Forschungsergebnissen arbeiten. Ein wirklicher Erfolg kann sich aber nur im tatsächlichen Feldtest zeigen, der unersetzbar ist. Die Engländer sagen dazu: “The proof in the pudding is in the eating”. Aber selbst bei offensichtlich gelungenen Innovationen weiß man oft immer noch nicht, was sich am Ende endgültig durchsetzen wird: Betamax oder VHS sind gute Beispiele für damals, Google Android oder Apple iOS für heute.

Wir bewegen uns immer schneller fort. Ist heute noch ein vergleichbar großer Schritt denkbar wie vor 125 Jahren bei der Entwicklung vom Pferd zum Automobil?

Ich denke ja. Man muss in großen Visionen denken – und in kleinen Schritten handeln. Das ist prinzipiell der gleiche Grundsatz wie vor 125 Jahren. Ohnehin wurde das Automobil lange gar nicht als die große Idee gehandelt, die die Menschheit verändern sollte. Im Gegenteil: Kaiser Wilhelm statuierte 1889 sehr überzeugend, dass er noch an die Zukunft des Pferdes glaube und das Automobil nur eine vorübergehende Erscheinung sei. Es war also keine Revolution, sondern eine Evolution.

Wie setzt sich diese Evolution heute fort?

Daimler geht heute konsequent den “Weg zum unfallfreien Fahren”. Diesem Ziel nähern wir uns mit immer größer werdenden Schritten an: Wir sind als Unternehmen zum Vorreiter der aktiven und passiven Sicherheit geworden, beispielsweise mithilfe intelligenter Assistenzsysteme. Neue Evolutionen sind gerade im Gange.

Muss für die Akzeptanz einer bedeutenden Innovation ein Paradigmenwechsel in der Gesellschaft vorausgehen?

Nein. Ich glaube eher, dass die Menschen heute vielmehr für neue Erfindungen bereit sind. Durch mehr Transparenz, die Vielfalt an Informationen, die uns täglich erreicht, durch das Reisen und die Mobilität sind die Menschen wesentlich neugieriger. Und mit steigender Neugier wächst auch die Bereitschaft, Neues anzunehmen. Man geht spielerischer und unvoreingenommener damit um. Für Goethe war eine Reise nach Italien wie eine Reise zum Mond, und zum Autofahren musste man Ingenieur sein. Heute sind Entdeckertum und Technologie zum Konsumgut geworden.

In der Geschichte waren Erfindungen meist an den Erfolg einzelner Persönlichkeiten geknüpft. Können große Innovationen überhaupt noch von Einzelpersonen kommen? Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit einer Community?

Ich glaube schon, dass es die großen Erfinder immer geben wird. In ein paar Jahren könnten beispielsweise Steve Jobs oder Mark Zuckerberg einen ähnlichen Status haben wie damals Gottlieb Daimler und Carl Benz. Der Vorteil, den wir heute haben, ist, dass wir Ideen besser kanalisieren und im Team weiter vorantreiben können. Bei Daimler wurde die Business Innovation Community etabliert, eine Ideenplattform im Internet mit derzeit fast 30.000 registrierten Mitarbeitern. Hier und auf anderen Ebenen entwickeln Kollegen gemeinsam Visionen. Man tauscht sich aus, mit Universitäten, der Forschung und dem Vertrieb. Man partizipiert auf Messen und Kongressen – kommuniziert nach innen und außen.

Seiten

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Text
Valérie HASENMAYER

Fotografie
Delia BAUM

Schlagworte

Erscheinungsdatum
19. August 2011

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